3 Tage Regen in Riga

Der Regen in Deutschland war wohl schon der erste Bote, der einen Ausblick auf das Wetter am Pfingstwochenende gab. Bereits auf dem Weg zum Flughafen wurde ich so durchnässt, dass man nur hoffen konnte, dass sich keine Erkältung ausbreitet. Mit etwas Verspätung ging es vom Frankfurter Flughafen mit Air Baltic nach Riga. Zwei Stunden Flugzeit und eine Stunde Zeitverschiebung später landeten wir an dem kleinen Flughafen der 650.000-Einwohnerstadt im Baltikum.

 

 

Von Deutschen, Schweden und Russen gebeutelt

 

Riga wurde geprägt von Deutschland, Schweden und Russland. Als Hansestadt von deutschen Siedlern gegründet wurde sie im 12. Jahrhundert nach dem Vorbild Bremens errichtet. Die Amtssprache damals war sogar deutsch. Im 17. und 18. Jahrhundert machten sich zunächst die Schweden, dann die Russen in Riga und Lettland breit, der Einfluss der deutschen Oberschicht blieb aber bestehen. Während des ersten und zweiten Weltkriegs stritten sich Russen und Deutsche um das Land bis es schließlich von Russland als Hauptstadt der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik erklärt wurde. Ende der 80er Jahre kämpfte sich schließlich die lettische Volksfront durch und forderte Unabhängigkeit. Nachdem sie bei Wahlen 1990 die Mehrheit gewann, konnte sich das Land im darauffolgenden Jahr endlich von der Sowjetunion lösen. Am 20./21. August 1991 wird die Unabhängigkeit Lettlands erklärt und die alte Verfassung von 1922 wieder in Kraft gesetzt. Seit dem 1. Mai 2004 ist Lettland Mitglied der EU, im Jahr 2014 wurde der Euro eingeführt. Seit der Einführung des Euro sind die Preise deutlich gestiegen, was der Bevölkerung etwas zu schaffen macht - nicht zuletzt auch, weil sie sich noch nicht ganz von der Wirtschaftskrise 2009 erholt hat.

 

 

Als wir Samstagmorgen aufstanden, regnete es. Egal, dachten wir uns, erstmal frühstücken und danach ist es bestimmt besser. Aber um in die Stadt zu laufen, war die Motivation dann doch zu gering. Die Dame am Fahrkartenschalter sprach kein Englisch, aber mit Händen und Füßen ergatterten wir Tickets für die Metro. Was genau wir erstanden hatten, war nicht ganz klar, aber damit wird es schon irgendwie gehen. Etwas mehr als zwei Euro für ein Ticket - das sollte Hin- und Rückfahrt sein. Sveiki, paldies - tschüss und danke - die Dame freute sich über die zwei Worte, die ich auf lettisch bis dahin stammeln konnte.

 

Die erste Mahlzeit des Tages gab es im Miit, ein vegetarisches Café - absolut empfehlenswert. Lettisches Brot, verschiedene Hummussorten, Bulgursalat, Champignons, grüner Salat, lettische Pankukas (Pancakes), Obst und eine Kuchentheke, die das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt - wir fühlten uns wie im siebten Himmel. Den Regen hatten wir schnell vergessen. Die Kaffeesorte darf man auswählen: Guatemala, Kenia, stark, fruchtig - was darf's denn gerne sein?

 

Nach drei bis vier Tassen Kaffee fanden wir, wir sollten dann doch mal mehr von der Stadt sehen als das hübsche Innere des Miit. Mit vollgeschlagenen Bäuchen und aufgespannten Regenschirmen spazierten wir durch den Park am Stadtkanal. Hier darf auch eine Liebesbrücke nicht fehlen, an der Pärchen ihre Verliebtheit mit Schlössern besiegeln. Kurz hinter der Liebesbrücke erspähten wir einen Bootsanlegeplatz und es zog uns aufs Wasser. 18 Euro für die Kanaltour? Das kam uns aber ganz schön teuer vor. "Achso, ihr seid Studenten? Dann müsst ihr nur 9 Euro bezahlen", klärte uns der nette Kapitän auf, nachdem wir wegen des Preises etwas zweifelten.

 

Die Bootstour führt durch den Stadtkanal, der die Altstadt umschließt und über den Fluss Daugava, der sich durch Riga schlängelt und 15 Kilometer weiter nordwestlich in die Ostsee mündet. Wir passierten unter anderem die Nationaloper, den Zentralmarkt, den Großen Christoph, die Nationalbibliothek und das Schloss Rigas. Auf der Daugava hatten wir einen tollen Blick über das Altstadtpanorama, das von Kirchtürmen gesäumt ist.

 

 

Die Altstadt Rigas

 

Zwischen den Kirchen und vielen guten Restaurants trifft man in der Rigaer Altstadt auf deutsche Spuren: Die Bremer Stadtmusikanten, ein Geschenk der Stadt Bremen. Ein Spaziergang durch die Altstadt führte uns durch Pfützen und kleine Gassen vorbei an drei Kirchen: die Johanniskirche, die Georgskirche und die Petrikirche, deren Turm man besteigen kann, um den Ausblick über die Stadt zu genießen (bei gutem Wetter wohlgemerkt...).

Der Rathausplatz galt lange Zeit als das wirtschaftliche und administrative Zentrum Rigas. Während des zweiten Weltkriegs wurde er samt Rathaus und Schwarzhäupterhaus zerstört, beide wurden mittlerweile aber rekonstruiert und neu aufgebaut. Das Wohnhaus rechts vom Schwarzhäupterhaus wurde ebenfalls während des Kriegs zerstört, an seiner Stelle steht mittlerweile der "schwarze Sarg", indem sich nun das Okkupationsmuseum befindet. Das Museum widmet sich der Geschichte der langen Besetzung Lettlands durch Russland und Deutschland.

Auf dem Domplatz durften wir ein lettisches Hochzeitspaar beobachten, das sich von Passanten mit Gesang und Getanz feiern ließ. Auch sie ließen sich also die Stimmung nicht durch das miese Wetter verderben!

 

In der Altstadt findet man unzählige Restaurants mit tollen Terrassen, die im Sommer bestimmt gut gefüllt sind. Wir konnten uns sehr gut vorstellen, wie die Straßen voll guter Laune, Touristen und Einheimischen im Sonnenschein belebt sind.

 

Die Bremer Stadtmusikanten in Riga
Die Bremer Stadtmusikanten in Riga
Rathaus und Schwarzhäupterhaus
Rathaus und Schwarzhäupterhaus

 

Der Regen trieb uns allerdings bald wieder nach drinnen. Zum Abendessen spazierten wir mitsamt unseren Regenschirmen in die Neustadt ins Austra. Bei einer lettischen Käseplatte und italienischem Wein trockneten wir und wärmten uns auf. Das Austra bietet neben tollen Vorspeisen und Snacks auch eine große Auswahl an Burgern - vegetarisch und mit Fleisch, aber auf jeden Fall ausgefallen. Hätte uns der lettische Käse nicht so überzeugt...

 

 

Zentralmarkt und Speicherkomplex: Authentizität und Geschichte

 

Auch wenn der Morgen des zweiten Tages von den Wetterverhältnissen vielversprechend begann, verließ uns das Wetterglück bald wieder. Also beschlossen wir, den Sonntag soweit möglich drinnen zu verbringen. Klitschnass kamen wir am Zentralmarkt an, der von den Rigensern für den Wocheneinkauf genutzt wird. Fernab von anderen Touristen bummelten wir durch die Markthallen, probierten diverses Gebäck für 20 Cent pro Stück und ließen uns zu Bernsteinschmuckkäufen überreden ("Schmuck ist auch immer ein tolles Souvenir!").

Nach der Eröffnung der Markthallen 1930 galt der Zentralmarkt als größter und modernster Markt in ganz Europa, heute ist er der größte im Baltikum. Auch vor der Halle spielt sich der Verkauf ab und bunte Obststände verbreiten den süßen Duft von Heidelbeeren und Erdbeeren.

 

Direkt hinter dem Zentralmarkt befindet sich der Speicherkomplex Rigas. In dieser Gegend lag zwischen 1941 und 1943 auch das Rigaer Ghetto, in dem 30.000 Juden aus Riga und Umgebung nach dem deutschen Einmarsch eingesperrt wurden, bevor ein Großteil in den Wäldern außerhalb der Stadt erschossen wurde. Das Ghetto-Museum erinnert an die schrecklichen Taten. In einem künstlerischen Ambiente wird aufgeklärt und den Opfern gedacht. Der Eintritt ist kostenlos und lohnt sich definitiv.

 

Food, food, food auf dem Zentralmarkt
Food, food, food auf dem Zentralmarkt
Typisch baltisch: Schmuck und Deko aus Bernstein
Typisch baltisch: Schmuck und Deko aus Bernstein

 

Im Speicherkomplex hat sich mittlerweile die Kunst- und Kulturszene Rigas entwickelt. Theater und Galerien befinden sich hier, man trifft auf Schauspieler und Künstler. Eigentlich hatten wir gehofft, einen Kaffee im Café Dali zu ergattern (alleine wegen des Namensgebers, einer meiner Lieblingskünstler, wollte ich schon hier rein), allerdings fand gerade eine Veranstaltung statt und für Gäste war es geschlossen. Also ging es wieder raus in den Regen...

 

Zurück in der Altstadt findet man aber schnell Alternativen. Zum Abendessen hatten wir uns das Restaurant Kaļķu Vārti ausgesucht. Wieder eine sehr gute Wahl! Es ist zwar etwas teurer (für Rigaer Verhältnisse), aber es lohnt sich. Ein Teil der Gaststätte war reserviert von einer großen Gruppe, die offenbar einen Grund zum Feiern hatten - das lockerte die sonst eigentlich etwas schickere Atmosphäre auf und trug dazu bei, dass wir uns hier sehr wohl fühlten. Ein aufmerksamer Service sorgte dafür, dass unsere Flasche Wein sich schnell leerte, großartige Köche sorgten dafür, dass unsere Bäuche sich füllten. So hatten wir auch für den zweiten Tag einen tollen Abschluss.

 

 

Abschlussbrunch und Jugendstil

 

Für den dritten Tag hatten wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben, ein paar Stunden ohne Regen zu verbringen. Und siehe da - der Tag begann trocken! Auf dem Weg zum Frühstück stellten wir aber fest, dass es kälter und windiger war als erwartet. Also schnell rein ins Café Mierā und aufwärmen! Wir waren begeistert von der gemütlichen Einrichtung im Landhausstil, der entzückenden Besitzerin und dem leckeren Frühstücksteller mit Omelette, körnigem Frischkäse, Salat, Marmelade und Croissant und gönnten uns noch einen selbstgebackenen Cookie als Nachtisch.

 

Riga beeindruckt nicht nur durch die verschiedenen Viertel, die alle ein unterschiedliches Flair haben und seine besondere Geschichte sondern auch durch eine wirklich großartige kulinarische Szene. Man sollte hier einmal Café-Hopping machen und in jeder Location Kaffee und Kuchen oder eine Quiche probieren, denn die Kuchenvitrinen versprechen überall großartiges und zumindest dort, wo wir waren, wurden wir nicht enttäuscht. Alle Läden versprühen eine andere Atmosphäre, von altmodisch-gemütlich über hip(ster) und niedlich bis hin zu zeitlos findet bestimmt jeder etwas, was seinen Ideal-Vorstellungen entspricht.

 

Einige Cafés und Restaurants finden sich auch im Jugendstilviertel, wo wir den (endlich trockenen) Nachmittag verbrachten. In fünf, sechs Straßen bewunderten wir die Gebäude im Jugendstil mit ihren Fratzen und Gesichtern, die teilweise ganz schön gruselig aussehen. Die Häuser werden nach und nach restauriert, da sie mittlerweile zum großen Teil sehr zerfallen sind. Die mit Abstand schönste Straße (laut Reiseführer eine der schönsten Europas) ist die Alberta iela.

 

So bummelten wir noch etwas durch die Stadt, bis wir uns auf den Weg zum Flughafen machen mussten.

 

Mein persönliches Fazit: Riga lohnt sich - aber sowas von! Die Baltikmetropole hat richtig viel zu bieten, ohne dass sie überlaufen oder überteuert ist oder Attraktionen aufgesetzt wirken - Geschichte, Kultur, Kulinarik, Tradition, Moderne... Und bei schönem Wetter kann man noch so viel mehr machen: ein Ausflug zum Ostseestrand Jūrmal, eine Kayakrundfahrt durch den Kanal, Fahrräder leihen - und so weiter! Riga, ich komme wieder - bitte halte dann besseres Wetter für mich bereit.

 

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