Von dem Luxus, nicht bleiben zu müssen

Meine Reisen nach Lateinamerika haben mich teilweise auch sehr nachdenklich gestimmt. Auf der einen Seite findet man unglaublich viele schöne Landschaften, viele touristische Highlights, die man selbst in vielen Wochen noch nicht ausgereizt hat, Touristen, die Geld in das Land bringen, Touristenguides, die den Eindruck machen, als arbeiten sie sehr gerne, Stadtteile, in denen sich hübsche Cafés an Nachtclubs reihen, einen Reichtum an Früchten und Kaffee. Auf der anderen Seite findet man Armut, sehr viel Armut. Wie das eben in einem Entwicklungsland so ist. Warum sind eigentlich gerade Entwicklungsländer so beliebte Reiseziele bei Backpackern und Flashpackern, abgesehen von den kulturellen Unterschieden, die es zu entdecken gibt? Weil das Preisniveau so niedrig ist und man schon für 50 Euro in einem Luxusressort bleiben kann? Oder weil wir uns immer wieder klarmachen müssen, dass wir von dem Luxus profitieren, nicht in diesem Land bleiben zu müssen? Ganz im Gegensatz zu den Einheimischen, denen es an monetären Mitteln und Möglichkeiten fehlt.

 


 

Reis und Bohnen

 

Ob nun geführte Rundreise oder selbstgeplanter (oder ungeplanter) Individualurlaub - als Tourist oder Reisender, der aus einem Industriestaat kommt, bekommen wir nur einen Bruchteil des Lebens der "Locals" mit. Wir können sie beobachten und ausfragen und gerade das ist es auch, was in Lateinamerika in vielen Ländern so herzerwärmend ist. Denn sie zeigen uns, dass sie auch ohne Konsum oder Materialismus glücklich sein können und dass vor allem die Familie eine wichtige Rolle spielt.

 

Aber was passiert eigentlich, wenn jemand aus der Familie krank wird? Ich habe in Nicaragua sowohl ein Gesundheitszentrum als auch ein Krankenhaus von innen gesehen und wusste ziemlich schnell, dass ich hier nicht besonders gerne offene Wunden behandeln lassen möchte. Für die Nicas ist das nun aber mal Lebensstandard und es gibt keine Möglichkeiten, mal eben in ein anderes Land zu fliegen, um ernsthaftere Krankheiten behandeln zu lassen. Und bei dem Gedanken wird mir klar, in welchem Luxus wir leben. Werde ich krank in Nicaragua, kann ich mir über meine Auslandskrankenversicherung den Heimflug bezahlen lassen. Wie viele Einheimische aber in Entwicklungsländern auf dem Land leben, wo weit und breit nicht mal ein professioneller Arzt vorhanden ist, können wir uns gar nicht vorstellen.

 

Und so ist das natürlich nicht nur im medizinischen Bereich. Eine Woche lang Reis und Bohnen zum Frühstück und ich möchte nie wieder in meinem Leben Reis und Bohnen essen, sehne mich nach Butterbrezeln und Bio-Dinkelbrötchen mit Kräuterfrischkäse und Gurkenscheiben und freue mich darauf, diese Köstlichkeiten bald wieder auf der Zunge zu schmecken. Und bei der Vorfreude ein weiterer Stich in der Magengegend: Was sind wir privilegiert, uns täglich aussuchen zu können, ob wir morgens Müsli mit Soja-Joghurt oder Quinoabrot mit holländischem Gouda essen möchten! Und die Nicas? Für einen großen Teil der Bevölkerung ist es ganz normal, täglich Reis und Bohnen zu essen, denn sie sind in erster Linie einmal froh, überhaupt etwas zu essen zu haben!

 


 

"Mein Iphone spinnt!"

 

Meistens erlebt man bei der Heimreise nach Deutschland einen größeren Kulturschock als während der Reise in ein fremdes, armes Land. Die Menschen kommen einem undankbar vor, verwöhnt, geblendet. Die deutsche Beschwerdementalität erscheint einem ignorant: "Mein Iphone spinnt, ich kann keine Bilder bei Instagram hochladen", "Mist, ich bin mit meinem neuen Schuh in eine Pfütze getreten", "Der 50-Euro-Wein korkt!" - so genannte "First World Problems", über die sich so mancher aus anderen Teilen der Erde freuen würde.

 

Und ist nicht das auch ein Grund, warum wir die Welt auf eine solche Art und Weise entdecken möchten? Um sich selbst zu zeigen, wie gut man es hat? Um Dankbarkeit zu lernen? Ich persönlich versuche zumindest alles in meinem Leben entsprechend wertzuschätzen. Die Menschen um einen herum, die einen lieben, ein Dach über dem Kopf zu haben, eine Dusche mit warmem Wasser und die Menge und Vielfalt an Lebensmitteln. Und das ist doch schon Luxus, oder?

 

Wie seht ihr das? Und was nehmt ihr von den Reisen in Entwicklungsländern mit?

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Kommentare: 1
  • #1

    Melli (Dienstag, 10 Mai 2016 08:16)

    ein super Artikel, der zum nachdenken anregt
    man vergisst leicht, was es für ein Privileg ist zb einen deutschen Pass zu besitzen und damit überall hin reisen zu können und natürlich auch das Geld dafür zu haben
    lg