Über den Salkantay nach Machu Picchu

 

Viele Wege führen nach Machu Picchu... Der beliebteste ist immer noch der Inka Trail, den die UNESCO und die Stadt Cusco mittlerweile auf 500 Personen pro Tag beschränkt haben. Das führt dazu, dass er bereits Monate im Voraus ausgebucht ist - eine spontane Entscheidung hierfür ist also nicht möglich. Eine großartige Alternative ist der Salkantay Trek mit spektakulären Aussichten und Passagen, auf denen man an seine körperliche Grenzen stößt.

Der Salkantay Trek führt über den 4.629 Meter hohen Salkantay Pass, vier Tage ist man zu Fuß unterwegs mit dem Ziel Aguas Calientes, das Machu Picchu-Dorf. Der fünfte Tag ist für die Besichtigung der verlorenen Inka-Stadt Machu Picchu selbst eingeplant.

 

 Ich war bereits zwei Monate in Cusco, wohnte bei einer peruanischen Familie und arbeitete in einem Kinderheim, als ich den Machu Picchu Hike plante. Als ich erfuhr, dass der Inka Trail für Kurzentschlossene wie mich nicht infrage kommt, informierte ich mich über aktive Alternativen. Als ich von Salkantay erfuhr, war ich Feuer und Flamme und schlug diesen Hike meiner Freundin Caro vor, die zu der Zeit noch in Chile unterwegs und mit der ich für Machu Picchu verabredet war. Sie war ebenfalls begeistert und so buchte ich bei der Tourismusagentur Peru Golden in Cusco vor Ort ( - dabei dachten wir noch nicht an die Momente, in denen wir wünschten, wir hätten diese Tour nie gebucht...). An Agenturen mangelt es in Cusco nicht - insbesondere an der und um die Plaza de Armas - und sie bieten mehr oder weniger die gleichen Touren zu ähnlichen Preisen an. Wir bezahlten 200 US Dollar für den fünftägigen Trip, inklusive  Transfer im Minibus, Mahlzeiten, eine Nacht im Hostel, Gepäcktransport, Guide und Eintritt zu Machu Picchu. Es sollten aber auf jeden Fall noch einige Dollar Trinkgeld für den Guide eingeplant werden sowie Eintritt zu dem Thermalbädern (damals 5 Soles) und Geld für die Busrückfahrt von Machu Picchu nach Aguas Calientes.

 

Schon bald war der große Tag des Aufbruchs gekommen. Morgens um 4:30 Uhr warteten wir darauf, von dem Guide abgeholt zu werden. Nach ein paar mehr oder weniger interessanten Unterhaltungen mit Partywütigen, die gerade aus den Clubs rausfielen, kam ein Kleinbus angefahren und sammelte uns auf. Der Bus brachte uns ins drei Stunden entfernte Mollepata auf 2.900 Meter, wo wir ein Frühstück erhielten und wo unser Startpunkt war. Noch ein paar Gruppenfotos, auf denen alle noch fit aussehen, und es geht los. Gleich die ersten zehn Minuten ging es recht steil bergauf, was dazu führt, dass ein Mitglied der Gruppe schnell feststellte, dass der Hike die falsche Entscheidung für ihn war. Um eine Person leichter ging es dann weiter, 21 Kilometer und 1.000 Höhenmeter stetig, aber nicht sehr steil, bergauf. Schon bei der ersten Mittagspause durften wir phenomenale Aussichten genießen und wurden mit typisch peruanischem Köstlichkeiten versorgt.

 

Müde und doch ein wenig erschöpft kamen wir abends an dem ersten Zeltplatz Soraypampa (3.900 m) an. Da es bereits dämmerte, konnten wir nur noch kurz einen Überblick über den Hof gelangen. In einem großen vor Wind schützendem Zelt waren schon unsere Zweierzelte aufgebaut, in einem kleinen Häuschen befand sich eine Toilette, das steinernde Waschbecken außen dran. Unser Guide Eddy bereitete gemeinsam mit den Köchen das Abendessen vor und bei Kerzenlicht ließen wir den Tag ausklingen. Die Nacht sollte kalt werden, deswegen schliefen wir in mehreren Schichten in unseren Winterschlafsäcken.

 

Kalt und kurz war die Nacht - um 5:00 Uhr weckten uns die Köche mit heißem Coca-Tee. In der Dunkelheit versuchten wir, einen Abstellplatz für die viel zu heißen Becher zu finden, damit wir uns in der Enge ohne Brandblasen umziehen konnten. Kurz darauf stand schon das Frühstück bereit, damit wir pünktlich um 6:00 Uhr in den zweiten und anstrengendsten Tag starten konnten.

 

 

Der zweite Tag hielt blauen Himmel, 700 Höhenmeter bergauf, 1.800 Höhenmeter bergab und weitere 20 Kilometer bereit. Der Aufstieg dauerte etwa vier Stunden, am Anfang war es noch recht moderat, dann wurde es steiler und steiler und die Luft dünner und dünner. Einige Kilometer vor dem Salkantay Pass beginnt das schwierigste Stück. Die Gruppe war schon lange nicht mehr beisammen, jeder fand sein eigenes Tempo und seinen eigenen Rhythmus. Wir vermischten uns auch mit anderen Gruppen und diverse Guides versuchten, uns zu motivieren, während ich schnaufte und alle paar Meter eine Pause machen musste und mich fragte, wer auf die bescheuerte Idee gekommen war, den Salkantay Trek zu laufen. "Du musst Coca kauen, das ist gut für die Höhe und gibt dir Energie", pflichtete mir einer der Guides kauend zu und drückte mir ein paar seiner Coca-Blättern in die Hände. Nagut, versuchen kann ich das ja mal, dachte ich mir. Man soll die Blätter erst kauen und sie dann hinter den Zähnen "lagern", um den Saft herausziehen zu können. Außer dem bitteren Geschmack und ein bisschen Ablenkung brachten mir die Blätter allerdings gar nichts und so quälte ich mich weiter den Berg hinauf. Die letzten Meter vor dem Pass waren die anstrengendsten meines Lebens und ich fragte mich nur noch, wie man denn so lang für die paar Schritte brauchen könne. Aber das Ziel war nah und es kam näher und die Vorfreude lieferte nochmal einen kräftigen Energieschub. Endlich oben angekommen konnte man in viele strahlende Gesichter blicken - das Schlimmste war geschafft und der Ausblick war spektakulär!

 

 

Der Aufstieg zum Pass war auf jeden Fall der anstrengendste Teil. Fast hätten wir aber vergessen, dass noch fünf Stunden Wanderung bergab auf uns warteten - auch nicht gerade ein Zuckerschlecken... Nun konnte man aber die Natur ein bisschen bewusster wahrnehmen und mit jedem Schritt bergab die Veränderung des Klimas und der Vegetation beobachten. Je weiter wir liefen, desto schwüler wurde es und bald befanden wir uns im Dschungel, wo die Moskitos nicht lange warteten, bis sie sich auf uns stürzten.

Unser zweiter Zeltplatz Chaullay (2.800m) war etwas ausgebauter. Es gab eine kleine Hütte, in der wir unser Abendessen zu uns nahmen und eine weitere Hütte mit Duschen und Waschräumen. Die Duschen waren allerdings kaum nutzbar, da sie einen heiß begehrten Treffpunkt für die Moskitos darstellten, die scheinbar verabredet waren, sich auf jegliches menschliche Blut zu stürzen, das in die Nähe einer solchen Dusche kam. Somit hieß es also entweder von Moskitos gefressen werden oder Katzenwäsche am Steinwaschbecken im freien. Wir entschieden uns kollektiv gegen die Moskitos. Die Nacht im Zelt war angenehm warm und vor allem erholsam mit dem guten Gefühl, den schwierigsten Tag hinter sich zu haben und der Freude auf die natürlichen Thermalbäder, die unser Ziel am nächsten Tag sein sollten.

 

 

Am nächsten Tag spürten wir natürlich alle Muskeln und Knochen aber waren dankbar für die guten Wanderschuhe. Durch eine grün bewachsene Landschaft, vorbei an imposanten Wasserfällen und kleinen Kioskbuden, die massenhaft Grenadillas an Wanderer verkaufen, ging es stets weiter. Der dritte Tag war an den Höhenmetern und auch an der Distanz gemessen sehr moderat und gegen Mittag erreichten wir nach etwa sechs Stunden bereits unser Ziel, ein kleiner Hof, auf dem wir Lunch bekamen - und sogar motorisierte Fahrzeuge erblickten! Ein solches brachte uns schließlich zu den lang ersehnten Thermalbädern Hot Springs - mit Duschen! Nie war ich in meinem Leben glücklicher, fließendes Wasser zu sehen und Schmutz und Schweiß der vergangenen Tage vom Körper abzuwaschen.

 

 

Diesmal nächtigten wir auf einem Hofin dem kleinen Dorf Santa Teresa, wo abermals die Zelte aufgeschlagen waren, es aber sogar richtige Badezimmer gab, Wein beim Abendessen, eine kleine improvisierte Bar, an der Mojitos verkauft wurden und ein Lagerfeuer, über dem wir Marshmallows grillten, um der ohnehin schon entspannten Atmosphäre noch einen Ticken mehr Freiheitsgefühl zu verpassen. Stolz durchströmte unsere Körper, körperlich ausgepowert, glücklich, eine solche Leistung gemeinsam erreicht zu haben und das Wissen, nur noch ein paar Kilometer und dann sind wir da, in Aguas Calientes, am Fuße des Machu Picchu.

Die Strecke an Tag 4 führte entlang der Bahngleise, die die Züge nutzen, die nach Aguas Calientes fahren. Ohne Anstiege zwar, aber auch ohne Kräfte, schleppten wir uns weiter und erhofften hinter jeder Kurve, das Dorf zu erblicken. Nach etwa vier Stunden waren wir endlich angekommen und glücklicherweise ist Aguas Calientes nicht von bedeutsamer Größe, die es erzwingt, noch einen City Walk zu unternehmen. Unsere einzigen Gedanken waren an jenem Nachmittag nämlich Bett und Essen...

 

 

Der letzte Tag sollte noch früher beginnen. Um 3:30 Uhr war Treffpunkt für alle, die zu Fuß nach Machu Picchu kommen und nicht den Bus nehmen wollten. "Vier Tage zu Fuß, da werden wir doch jetzt nicht faul", war unsere Devise an jenem Vorabend, bereuten es allerdings einmal, als der Wecker klingelte und ein weiteres Mal, als wir uns mit etwa tausendzweihundertfünfundreißig weiteren Motivierten die Inkastufen hochschleppten. Problematisch war hierbei vor allem, dass keiner sein eigenes Tempo gehen konnte. Die Masse trägt dich mit, du musst dich anpassen, Stufe um Stufe. Mit jeder Minute wird es wärmer und die Stufen erschienen mir höher und höher. In einer kleinen Gruppe beschlossen wir, uns aus der Masse herauszunehmen und den zwar längeren aber dafür stufenlosen Weg über die Straße zu nehmen, auf der die Busse auch fahren.

Was uns schließlich erwartete, als wir die ersten Inka-Ruinen erblickten, blendete alle Anstrengungen der letzten Tage aus.

 

 

Die Nebelschwaden hingen noch in den Bergen und die Morgensonne kämpfte sich den Weg durch die Dämmerung. Die anderen unzähligen Menschen waren dann irgendwie auch egal, wollten sie doch auch einfach genau wie wir diese einzigartige Kulturstätte erkunden. Alle paar Meter blieben wir stehen, um jeden Winkel und jeden Augenblick des Sonnenaufgangs über der Inkastadt auf Fotos festzuhalten. Aber das wichtigste konnten wir nicht auf den Fotos festhalten, die unbeschreibbaren Eindrücke und die Bewunderung für die Arbeit des Inka-Volkes, für die Präzision und den Perfektionismus, trotz des Wissens um die Grausamkeit, mit der sie ihre Opfer brachten.

 

Templo del Sol (der Sonnentempel) - je heiliger ein Ort, desto präziser die Bauweise
Templo del Sol (der Sonnentempel) - je heiliger ein Ort, desto präziser die Bauweise
Dieser Fels wurde so zugeschliffen, dass er exakt wie die Bergkulisse in seinem Hintergrund aussieht.
Dieser Fels wurde so zugeschliffen, dass er exakt wie die Bergkulisse in seinem Hintergrund aussieht.
Heutzutage sind Lamas die Einwohner Machu Picchus - im Hintergrund das Lager, Qolqas.
Heutzutage sind Lamas die Einwohner Machu Picchus - im Hintergrund das Lager, Qolqas.
Templo de las Tres Ventanas - Tempel der drei Fenster
Templo de las Tres Ventanas - Tempel der drei Fenster
Templo del Condor - Tempel des Kondors
Templo del Condor - Tempel des Kondors

 

Die Entdeckung der Inka-Stadt wird dem nordamerikanischen Professor Hiram Bingham zugeschrieben, der Anfang des 20. Jahrhunderts über die Ruinen stolperte, als er eigentlich auf dem Weg in eine andere Inkastadt im Heiligen Tal war. Sein Bericht über die Entdeckung kann kostenlos unter www.gutenberg.org heruntergerladen werden. Tatsächlich kam aber schon 1874 eine Gruppe Deutscher unter der Führung von Herman Göhring mit der Erlaubnis der peruanischen Regierung hierher und südamerikanische Forscher folgten ihm.

Der Name Machu Picchu wurde von den heimischen Bauern genutzt, er bedeutet "alter Berg" auf quechua. Auch wenn über die Inkastadt nur Vermutungen angestellt werden, ist klar, dass sie als zeremonielles Zentrum galt und ist der Beweis für die Genialität des Volkes. 

 

Warst du schon bei Machu Picchu? Welchen Weg hast du genommen und was war deine Erfahrung?

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Kommentare: 2
  • #1

    delightful SPOTS (Freitag, 15 April 2016 21:34)

    Hallo Marit,

    wow! Toll, dass du den Salkantay gelaufen bist - Hut ab! Ich bin totaler Andenfan, aber die Höhe haut mich immer wieder um. Vielleicht schaffe ich es irgendwann mal. Mir haben die 400 Höhenmeter von Machu Picchu hinunter nach Aguas Calientes schon gereicht ;)

    Herzlichst
    Sonja

    http://www.delightfulspots.de/2015/06/10/instagram-meine-peru-reise/

  • #2

    Marit (Freitag, 15 April 2016 23:17)

    Hallo Sonja,
    ich wusste vorher auch nicht so richtig, was auf mich zukommt ;) es war auf jeden Fall eine der härtesten Sachen, die ich in meinem Leben gemacht habe, gleichzeitig aber auch eine der schönsten :)
    Dein Blog liest sich auch toll! Du hast in Arequipa gelebt? Man lässt ein Stück seines Herzen in Peru, richtig? Hach... da bekomme ich glatt wieder Fernweh...
    Liebe Grüße!