Nicaragua - Tierra de los lagos y los volcánes

„Warum Nicaragua?“, ist eine Frage, die sich alle Backpacker in Nicaragua gegenseitig stellten. Die Antworten sind oft ähnlich: die zahlreichen Möglichkeiten, Abenteuerlust zu stillen, Flucht aus dem Winter, traumhafte Strände, unentdeckt und vor allem: hier ist alles noch richtig „laid back“.

 

Für mich standen neben diesen Argumenten noch zwei weitere Gründe im Vordergrund: meine Leidenschaft für spanischsprachige Länder und die Möglichkeit zu Surfen. Lange Zeit war Costa Rica ein Traumreiseziel von mir – bis ich anfing, mich über das nördliche Nachbarland zu informieren. Ich erzählte meinen besten Freundinnen von meinem Plan und wider Erwarten hörte ich im Einklang „Wir sind dabei!“. Als wir dann vereinbarten, uns gleich nach Weihnachten auf den Weg zu machen, war auch die alljährliche Silvesterfrage geklärt: Lassen wir den Rest in der Heimat zurück, wir feiern am Strand!

 

 

Zeit ist Geld? Nicht in Lateinamerika

 

In Nicaragua kann man meinen, die Zeit ist stehen geblieben. Nicht nur wegen der Geschwindigkeit, mit der die „Nicas“ ihren Tätigkeiten nachgehen – der gesamte Lebensstil zeigt, dass der Konsum und Materialismus, den wir aus Industrienationen kennen, keine große Rolle spielt. Smartphones? Telefonieren kann man auch mit einem alten Handy – Hauptsache, man versteht sich auch trotz der ständig lauten Bachata-Musik im Hintergrund. Mode? Es interessiert nicht, was in London, Paris, New York getragen wird; es wird das gekauft, was es im kleinen Laden um die Ecke gibt. Macht auch nichts, wenn die pinke Leggings dann nicht perfekt zum Leoprint-Top passt... Computer? Den braucht man wohl, wenn man ein Hotel besitzt, um Reservierungen empfangen zu können. Bei Ämtern, Ärzten und Krankenhäusern funktioniert aber alles reibungslos mit Handzetteln. Strom? Wenn der mal ausfällt, geht das Leben trotzdem weiter. Kochen lässt es sich auf dem Gasherd und Musik in Bars kann wunderbar durch Gesang ersetzt werden.

 

Begonnen haben wir unseren Trip in San Juan del Sur. Das Örtchen an der südlichen Pazifikküste Nicaraguas ist der Touristenhotspot des Landes. Gerade zu Silvester trifft man nicht nur surfvernarrte Backpacker, sondern auch Einheimische aus dem ganzen Land und viele Touristen aus Costa Rica. Auch uns packte die Surf-Lust und schnell hatten wir uns entschieden, einen Kurs bei der Wide Wave Surf Academy zu buchen - die einzige Surfschule mit lizensierten Surflehrern in Nicaragua. Jefe Alfredo machte uns einen Spezialpreis, da wir gleich zwei Lessons buchten und so bezahlten wir 25 Dollar für zwei Nachmittage Surfkurs inklusive Ausrüstung und (etwas holprig-staubigem) Transport zur Surferbucht. Die Theoriestunde, die uns Alfredo persönlich aufzwang, war die beste, die ich bisher hatte: Mit seinen Tipps konnte ich so viele Wellen reiten wie vorher weder in Peru noch in Spanien. Das Gefühl, das Brett unter den Füßen zu spüren und sich von den Wellen tragen zu lassen, ist einfach unbeschreiblich. Mit Salz auf den Lippen und Wind in den Haaren trägt dich das Meer und ein Gefühl von Freiheit durchströmt deinen Körper. Und in so einem Moment realisierst du wieder einmal: Die schönsten Dinge der Welt sind weder teurer Schmuck, noch Designer-Handtaschen oder das neueste Mobile Device.

 

Tortuguitas, Isla de Ometepe und Granada

 

Nicht weit von San Juan del Sur, am Playa El Coco, befindet sich ein traumhaftes Naturreservat. Die Verwaltungsgesellschaft Parque Marítimo el Coco hat sich zum Ziel gesetzt, die wunderschöne Strandlandschaft, bewachsen mit Mangroven und Palmen, zu erhalten. Der Strand und die direkte Umgebung ist das Zuhause von zahlreichen Vögeln, Faultieren, Leguanen, Eichhörnchen - und natürlich Schildkröten. Täglich werden mehrere Tausend Schildkröteneier an dem Strand gelegt. Damit weder die Eier noch die frisch geschlüpften Babyschildkröten von ihren Feinden direkt verschlungen werden, sammelt das Parkteam die Eier ein. Morgens schlüpfen die Babys dann in der Aufzuchtstation und werden abends in die Freiheit entlassen. Zu diesem Ritual kommen alltäglich auch eine Handvoll Touristen, die gegen ein paar Dollar helfen dürfen, die Schildkröten ins Meer zu begleiten. Das ließen wir uns natürlich auch nicht entgehen. Nachdem wir lange über den wunderschönen Strand und den paradiesischen Sonnenuntergang staunten, waren wir umso faszinierter von den kleinen Reptilien, die teils ganz schnell Richtung Meer und teils erstmal in die komplett entgegengesetzte Richtung wackelten. Viel zu kurz konnten wir beobachten, wie die Wellen immer näher kamen und die Tierchen mit in die große weite Welt nahmen.

 

 

Da sich meine Freundin beim Surfen verletzt hatte und von da an die Reise mit Krücken fortsetzte und wir zwei gesunden als gute Freundinnen zusätzlich zu unseren eigenen Backpacks noch den ihren trugen, verzichteten wir zunächst auf die Weiterreise mit dem nicaraguanischen "Chicken Bus" und leisteten uns ein Taxi von San Juan del Sur nach San Jorge, von wo aus wir mit der Fähre auf die Isla de Ometepe übersetzen wollten. Unsere Unterkunft auf der Isla de Ometepe, die Eco-Lodge Hacienda Merida empfiehlt, die Fähre um 13:30 Uhr zu nehmen, um auf der Insel noch den Nachmittagsbus nach Merida zu bekommen. Unser Denkfehler in diesem Moment: Wir gingen davon aus, die Fähre fährt jeden Tag zur gleichen Uhrzeit. Das tut sie allerdings nicht an Feiertagen wie dem 1. Januar. Somit waren wir viel zu früh an der Fähre und verbrachten noch drei Stunden im Hafenrestaurant, von wo aus man die Nicas beim Baden beobachten und sämtliche Nica-typischen Speziaitäten wie Tostones con queso (fritierte Bananenchips mit fritierten Käsewürfeln) probieren konnte - mit Blick auf die Isla de Ometepe selbstverständlich. Die Zwillingsvulkaninsel liegt mitten im Lago Nicaragua, dem Nicaragua-See. Vor etwa 1.500 Jahren waren es noch zwei Inseln, die dann langsam aneinanderwuchsen. Beide Vulkane lassen sich besteigen, einer der beiden (Concepción) ist noch aktiv.

 

Der Hike auf den nichtaktiven Vulkan, Maderas, stellte definitiv einen der Höhepunkte unserer Reise und eine der größten körperlichen Herausforderungen dar. Vier Stunden lang ging es über Steine und Wurzeln, durch Wald und Matsch, Schlamm und Pfützen, fast 1.400 Höhenmeter aufwärts - immer mit dem Ziel und der Hoffnung, den Kratersee von oben aus erblicken zu können und mit der Angst davor, durch den Matsch irgendwie wieder herunterkommen zu müssen. Während des Hikes konnte man wieder einmal beobachten, wie gut sich die Touristen und Backpacker in dem kleinen Land doch verteilen - wir begegneten gerade mal vier anderen Verrückten, die sich der Vulkanwanderung annahmen. Oben angekommen waren wir zwar etwas enttäuscht über die Aussicht - Nebel und Wolken in allen Richtungen - aber glücklich, es geschafft zu haben. Etwas schneller waren wir auf dem Rückweg und kamen pünktlich zum Sonnenuntergang in unserer Ecolodge an, wo ein kaltes Toña und ein Bad im See auf uns warteten.

 

 

Der nächste Stop für uns war die Stadt Granada, direkt am Lago Nicaragua. Für die Fahrt verzichteten wir diesmal auf das Taxi und nahmen den viel günstigeren Chicken Bus, der den Namen trägt, da sich die Menschen wie Hühner beim Transport aneinanderquetschen. Typisch lateinamerikanisch dringt lauter Reggeaton während der Fahrt durch den Bus und bei jedem Halt springen Essensverkäufer rein, die ihr Angebot marktschreierisch anpreisen.

 

Rund um die Hauptkathedrale Granadas reihen sich alte Kolonialbauten in manchmal mehr, manchmal weniger gutem Zustand aneinander. Hin- und hergerissen ist man in dieser Stadt, versprüht sie doch einen unglaublichen Charme genauso wie dass sie den durch die Sonne und stets stehende Luft verstärkten Geruch von Pferdeäpfeln und Urin verbreitet. Chaos und Menschengewusel, Hitze und verfaultes Obst auf dem Markt stehen einem traumhaften Ausblick über die Dächer der Stadt bis hin zum See vom Kirchturm der Catedral El Merced aus gegenüber. Unglaublich freundliche Kellnerinnen, junge Breakdancer und alte Gitarrenspieler, die sich rührend um einen verletzten Straßenhund kümmern trifft man genauso wie Jugendliche, die auf Fahrrädern an Touristinnen vorbeirauschen und sie mit einem Klaps auf den Hintern belästigen.

 

 

Nicht weit entfernt von Granada liegt Masaya, wo sich auf der Burg Coyotepe etwas Vergangenheitsluft und im Nationalpark Volcán Masaya vulkanische Gase schnuppern lassen. Die Burg Coyotepe diente während der Samosa-Diktatur als Gefängnis für politische Gefangene, in dem auch gefoltert wurde. Während uns Hector durch die dunklen Kammern führte, ich mich bemühte, seine Erzählungen auf spanisch über die psychologische Folter zu verstehen und für meine Freundinnen zu übersetzen, uns Fledermäuse umschwirrten und unsere Schritte durch die Gänge hallten, lief uns allen ein kalter Schauer über den Rücken.

 

Der Nationalpark Volcán Masaya lässt sich mit dem Auto erkunden. Wir hatten eine Tagestour von Granada aus für 20 Dollar pro Person mit dem Guide Hector gebucht, die uns zu Coyotepe, zum Vulkan Masaya, zum Mercado de Artesanias in Masaya und zur Laguna de Apoyo führte. Organisiert wurde sie von Gerry, dem netten irischen Besitzer der Casa del Agua, wo wir während unseres Granada-Aufenthalts untergebracht waren (nachdem wir die Unterkunft betreten hatten, waren wir uns auch ziemlich schnell einig, eine Nacht länger in der Stadt und diesem Haus zu bleiben) und der uns auch die besten Restaurant-Tipps für die Stadt gab: Unbedingt einen Besuch abstatten solltest du dem Garden Café. Hier bekommt man ein grandioses Frühstück, auch ohne das nicaraguanisch-typische Pico Gallo, Reis und Bohnen, mit fruchtigen Smoothies und hausgemachtem Brot, in einem wunderschön angelegten Garten. Das Garden Café engagiert sich außerdem für wohltätige Zwecke in der Stadt und der Gemeinschaft, achtet auf die Herkunft der verwendeten Lebensmittel und sorgt für faire Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter. In dem zugehörigen Shop kann man tolle individuelle Souvenirs kaufen - von handgemachten Taschen aus recycelten Materialien über Holzsteinschleudern bis hin zu Second Hand Büchern in spanisch, englisch und sämtlichen weiteren Sprachen.

 

Zurück zum Nationalpark Volcán Masaya: Nachdem wir alle ein Formular unterschrieben hatten, das bestätigte, dass wir im Falle eines Vulkanausbruchs niemanden verantwortlich machen konnten, fuhren wir vorbei an riesigen schwarzen Vulkangesteinen, die links und rechts der kleinen Straße den großen Ausbruch von 1772 beweisen. Die Landschaft wird Piedra Quemada genannt, verbrannter Stein. Nach ein paar Minuten Fahrtzeit kamen wir auf einer überschaulichen Plattform an, auf der vereinzelt Touristenbusse standen, Guides, die sich in der Hitze unterhielten und auf ihre Touristen warteten, die wiederum den Krater bestaunten. Schon beim Aussteigen aus dem Auto stieg uns der Geruch von Schwefel in die Nasen. Neugierig liefen wir an den Rand des Kraters und blickten in ein schwarzes Loch, aus dem Rauch herausstieg. Windböen bliesen die Gase in unsere Richtung und sofort spürte man ein Kratzen im Hals. Wir dürfen uns nur fünf Minuten am Rand des Vulkans aufenthalten, hatte uns Hector noch angewiesen. Ansonsten werden die vulkanischen Gase zu gefährlich. Der Vulkan faszinierte uns besonders. Ein Naturgebilde, das zeigt, wie unglaublich mächtig unsere Erde ist, welche Gewalten und Kräfte sie birgt.

 

 

Die Nicaragua-Rundreise kann man wunderbar abschließen mit einem Trip zu den Corn Islands. Nicaragua ist ein Land voll mit politischer Geschichte, die den Einwohnern noch tief im Gedächtnis und in den Knochen hängt. Kein Wunder - die Revolution war erst vor gut 30 Jahren. Vorher wurde das Land über Jahrzehnte von der Samoza-Familie beherrscht, die einen Diktator nach dem nächsten stellten. 1979 wurde die Revolution von Augusto C Sandino angeführt und Samoza wurde gestürzt. Die Revolution kostete 50.000 Menschen das Leben, 150.000 ihr zuhause und war nur der Beginn eines zehn Jahre andauernden Bürgerkrieges.

 

Mittlerweile ist Nicaragua stabil und demokratisch und der Präsident Daniel Ortega hat einiges an Ruhe und Wachstum in das Land gebracht. Dennoch bleibt es das ärmste Land Lateinamerikas, das spiegelt sich natürlich wieder in vielen Situationen und insbesondere, wenn man durch die Vororte größerer Städte fährt und die weniger touristisch-populären Orte sieht.

 

Vor allem ist das Land heutzutage aber relativ sicher - und das ist etwas, worauf viele Nicas sehr stolz sind. Es gilt nach Costa Rica als das zweitsicherste Land Zentralamerikas. Dabei darf natürlich nicht vergessen werden, dass man dennoch stets mit gesundem Menschenverstand und Achtsamkeit reisen sollte!

 

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Kommentare: 3
  • #1

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