Magisches Patagonien

Nach drei fantastischen Monaten in Chiles Hauptstadt Santiago, freute ich mich darauf, neuen Abenteuern entgegenzublicken und nun wirklich ans Ende der Welt zu reisen. Mit dem Flugzeug ging es von Santiago nach Punta Arenas, die südlichste Stadt der Welt (das noch weiter südlich gelegene Ushuaia im argentinischen Patagonien ist offiziell nicht als Stadt anerkannt). "Wenn du auf der Plaza in Punta Arenas den Fuß der Statue von Hernando de Magallanes küsst, bedeutet das, dass du irgendwann nach Patagonien zurückkehrst", gab mir meine Mitbewohnerin aus Santiago noch mit auf den Weg.

 

Punta Arenas - wenn du den Fuß der Statue von Hernando de Magallanes küsst, wirst du zurückkehren

 

Auf dem Weg zum Flughafen ließ mich das Gefühl nicht los, dass jetzt das Abenteuer beginnt. Meine erste Reise alleine. Dabei war ich ja schon allein nach Santiago gereist. Und nach Schweden für ein Praktikum einige Jahre zuvor. Aber die Aufregung, die ich jetzt empfand, war unvergleichbar. Marit am Ende der Welt.

In Punta Arenas angekommen, wollte ich erst einmal die Stadt erkunden. Ich ließ mich treiben, lief durch die Straßen, kam bald am Ufer an, mit Blick auf den Estrecho de Magallanes. Auf dem Steg vor mir tummelten sich Vögel, in der Ferne konnte man Feuerland erkennen. Der Horizont erstreckte sich über schneebedeckten Gipfeln, in einem unbeschreiblichen Licht und Blautönen, die ich so noch nie gesehen hatte, die sich nicht auf Fotos festhalten lassen, sondern nur in der Erinnerung verweilen. Pures Glück und das Gefühl von Freiheit durchströmten mich in diesem Moment, beinahe hätte ich einen Glücksschrei losgelassen!

 

 

Im Juni ist in Patagonien Winter. Viele Chilenen hatten mir gesagt, im Winter ist es sehr kalt in Patagonien. Dabei hatte ich nie richtig verstanden, ob sie meinten "weniger als 15 Grad" oder "minus 15 Grad", da "weniger" und "minus" das gleiche Wort im Spanischen ist. Naja, aber alle hatten das relativ gute Argument "Du bist doch aus Deutschland, da kennst du das ja mit der Kälte!". Kalt war es auch, aber zum Glück gibt es Heizungen im Süden und warme Kleidung hatte ich ohnehin eingepackt. Im Winter ist es aber auch nicht so windig in Patagonien, was Besichtigungen wahrscheinlich sehr viel angenehmer macht als bei den unsäglichen Windböen, die sonst über die Südspitze Chiles streifen. Außerdem sind fast keine Touristen da. Das hat zwar den Vorteil, dass Ausflüge und Städte nicht überlaufen und sehr ruhig sind, allerdings kommen einige Ausflüge auch gar nicht zustande, da die Anbieter eine Mindestteilnehmerzahl brauchen.

 

 

Von Schnee-Indianern, platten Reifen und königlichen Pinguinen: Tierra del Fuego

 

Glücklicherweise fand der Trip statt, den ich direkt nach meiner Ankunft gebucht hatte: Eine Rundfahrt über Feuerland inklusive Besuch bei den Königspinguinen. Ich bin ja einer der größten Pinguin-Fans und somit war diese Tour mein persönliches Highlight! Leider musste ich schon auf die Magallanenpinguine verzichten, die man im Sommer auf der Isla Magdalena beobachten kann, die aber den Winter aber in Brasilien verbringen.

 

Mein zweiter Tag in Punta Arenas begann also sehr früh. Gemeinsam mit meiner Zimmergenossin, einer etwa 70-jährigen Engländerin, die schon um die ganze Welt gereist war und mein Englisch forderte, nachdem ich drei Monate nur spanisch gesprochen hatte, wartete ich um 6 Uhr morgens auf den Minivan, der uns vor unserem Hostel abholen sollte. Wir wurden eingeladen und zur Fähre transportiert, von wo aus wir einen genialen Ausblick auf den Sonnenaufgang hatten, der langsam den Horizont am Ende der Welt in unterschiedlichste Rot- und Lila-Töne färbte. Auf der Tierra del Fuego angekommen, besichtigten wir kurz den 6.000-Einwohner-Ort Porvenir und das Museum Museo Provincial Fernando Cordero Rusque.

 

Porvenir wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, als man auf Feuerland nach Gold gesucht hat. Vorher wurde Feuerland bewohnt von dem Ureinwohnerstamm Selk'nam, die die Siedlung in der Stammessprache Karkamke nannten, was so viel wie Untere Gewässer bedeutet. Das Museum hält sehr viele interessante Informationen zu den Selk'nam und ihrer Vertreibung von Feuerland bereit, was einem - wie so oft, wenn man sich mit der Geschichte Lateinamerikas beschäftigt - einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts lebten sie als normadisierende Jäger auf der Insel. Im Zuge der Kolonialisierung und Besiedelung der Insel durch die argentinische Regierung ab 1850 kam allerdings ein Großteil des Volkes gewaltsam ums Leben und etwa ein Jahrhundert später war von Sprache und Kultur der Feuerlandindigenen nichts mehr übrig. Der Name Feuerland kommt übrigens von den ersten europäischen Siedlern, die nach Kolumbus den Süden Chiles bereisten: Sie traten nicht in Kontakt mit den Ureinwohnern, sahen lediglich den Rauch von diversen Feuerstellen über der Insel und legten entsprechend den Namen fest.

 

Noch völlig eingenommen von den vielen Informationen über die Insel und ihre Geschichte, setzte sich unser kleines Touristengrüppchen wieder in den Minibus und weiter ging's in Richtung Parque Pinguino Rey. Während der Fahrt wurde meine neue englische Freundin immer neugieriger, so dass sich mir die Gelegenheit bot, mein neuerkanntes Talent des Spanisch-Englisch-Dolmetschens kontinuierlich auszubauen. Ich hoffe, Mrs. Inglaterra hat die Informationen nochmals nachgelesen, die ich ihr frei übersetzte... Auf der weiteren Fahrt verblassten die Erinnerungen an die Selk'nam schnell hinter der Landschaft Feuerlands, die wir passierten, unter den pudrig mit Schnee bedeckten Hügeln und hinter den von starken Winden verformten Bäumen am Straßenrand. Ich kam aus dem Staunen kaum heraus - bis sich auf einmal ein komisches Gefühl beim Fahren einstellte, eine Unregelmäßigkeit, die sich mit ungewöhnlichen Geräuschen vermengte und wir im Auto alle unruhig auf den Sitzen hin- und herrutschten, solange bis sich unser Guide und Fahrer endlich dazu aufraffte, mal anzuhalten und nachzusehen, was denn nicht stimmt: ein platter Reifen.

 

Vor meinem inneren Auge spielte sich bereits eine Szene ab, wie wir mitten im Nirgendwo, fernab jeglicher Zivilisation (abgesehen von den zwei Bauernhöfen, an denen wir auf der Fahrt vorbeigekommen waren), bei Minusgraden im Bus campierten und auf Hilfe warteten. Da hatte ich unseren Fahrer aber unterschätzt: Flink wie ein Fuchs hatte er einen Blaumann übergezogen, das Ersatzrad aus dem Kofferraum gehievt und den Reifen gewechselt. Mit noch klopfendem Herzen und ein paar Fotos mehr auf der Speicherkarte fuhren wir dann schon weiter zu den Pinguinen. Auf dem Weg jagten wir noch zwei, drei Guanacos von der Straße und konnten außerdem chilenische Flamingos beim Baden beobachten.

 

 

Sensationen der Natur: Torres del Paine

 

Das nächste Highlight in Patagonien sollte der Nationalpark Torres del Paine werden. Das waren übrigens auch die zwei Must-Dos, die ich mir für Patagonien vorgenommen hatte. Ich nahm den Bus von Punta Arenas nach Puerto Natales, der mehrmals täglich fährt. In Puerto Natales buchte ich die Torres del Paine-Tour direkt über das Hostel. Leider sind im Winter viele Wanderwege in dem Park gesperrt, so dass nur eine mehrtägige Wanderung des "W" oder eine Fahrt durch den Park mit einer Kleingruppe als Optionen in Frage kommen. Aufgrund der wenigen Zeit, die ich in Patagonien eingeplant hatte, entschied ich mich schnell für die Fahrt. Drei amerikanische Mädels, ein Franzose und ich besetzten den Kleinbus an diesem Tag. Die Zeichen standen gut, strahlend blauer Himmel machte Hoffnung auf traumhaftes Wetter! Unser Guide war sehr motiviert, erklärte uns viel und hielt bei jedem Foto-Hotspot geduldig an - und das sind sehr, sehr viele. Abgesehen von den beeindruckenden Berglandschaften, dem Gletscher Grey und den kristallblauen Seen sind da nämlich noch die Guanacos, Adler, Nandus und nicht zuletzt der Puma, der sich uns gezeigt hat (leider war er zu schnell wieder in den steinernen Hügeln versteckt, um ja nicht auf einem Erinnerungsfoto zu landen).

 

Der Nationalpark im Süden Chiles ist eines der besten Beispiele für die unfassbare Schönheit der Natur - und ein weiteres Argument für Outdoor-Sportarten!

 

 

Ein kleiner Hike auf den Cerro Dorotea

 

Einen Tag in Puerto Natales hatte ich nicht verplant. Ausflüge fanden keine statt und den Ort konnte man in circa einer Stunde erkunden. Glücklicherweise hatte mir eine brasilianische Reisende am Vorabend vom Cerro Dorotea erzählt, ein kleiner Berg, der sich perfekt für einen drei- bis vierstündigen Hike eignet. Ich ließ mich also von einem Taxifahrer zum Ausgangspunkt fahren: ein kleiner Hof, der den Besitzern des Landstücks gehört. Die Familie nimmt 5.000 Pesos, die ich gerne bezahlte, im Gegenzug bekam ich einen Wanderstock in die Hand gedrückt und eine kurze Erklärung, wo der Weg langgeht. Man könne sich gar nicht verlaufen, wurde mir gesagt. Naja, das galt nicht für Marit... Unfreiwillig verlängerte ich den Aufstieg etwas und kam bald ziemlich ins Schwitzen. Dafür sah ich wunderschöne Blümchen, die am Hang wuchsen und wuselte mich durch einen dich bewachsenen Wald, bevor ich am obersten Punkt des Hügels herauskam. Hier pustete mir ein unglaublicher Wind ins Gesicht! Da war er also, der patagonische Wind! Ich genoss die scheinbar unendliche Aussicht in alle Himmelsrichtungen, über Landschaften und Puerto Natales bis hin zu weißen Gipfeln, die hinter den Fjorden in den Himmel ragten.

 

 

Ausflug nach Argentinien und blaues Eis

 

Die Alternativen, die sich einem im Winter in Patagonien bieten, sind nicht besonders zahlreich. Viele Backpacker fahren von Puerto Natales weiter nach Ushuaia, mit Zwischenstopp beim Gletscher Perito Moreno. In unserem Hostel wurde in dieser Woche ein Tagestrip zum Perito Moreno angeboten. Auch wenn der Trip viel zu teuer war und ewig lange Fahrtzeit für einen kurzen Aufenthalt bedeutete, wollte ich den Gletscher sehen. Fünf Stunden verbrachten wir in einer kleinen Gruppe also ein weiteres Mal im Minibus. Mit der Illusion, die Fahrt hat Ähnlichkeit mit einem Roadtrip, ließ es sich auch gut aushalten! Die Blicke aus dem Fenster entschädigten für die mangelnde Bewegung. Ein kurzer Stopp an der Grenze, weitere unzählige Kilometer im Auto. Je weiter wir uns dem Gletscher näherten, desto tiefer hingen die Wolken. Ein Regenbogen zeigte sich zwischenzeitlich, aber die Sonne sahen wir nicht mehr.

 

Auch bei der Ankunft am Gletscher enttäuschte uns das Wetter und dicke Regentropfen prasselten auf uns nieder, als wir aus dem Auto stiegen. Aber das zählte jetzt nicht - wie kommen wir zum Gletscher? - Da entlang, es gibt einen Weg zu den besten Aussichtspunkten! Jetzt ging es nur darum, die kurze Zeit zu genießen, durch die Nebelschwaden in die Ferne zu sehen, die Nässe zu ignorieren und - zu staunen! Man kann den Gletscher auch vom Wasser aus anschauen, wenn man eine Bootstour bucht. Von oben konnten wir beobachten, wie verschwindend klein ein solches Touri-Boot wird, wenn es neben den gigantischen Gletscherschluchten auftaucht. Aber nicht nur die Größe des Gletschers zieht einen in den Bann. Es ist vor allem auch die Farbe, ein Türkisblau von ungeheuerlicher Intensität, das ich mir nicht hätte vorstellen können, bevor ich es gesehen habe. Am Ufer des Lago Argentino, in den sich die Gletscherzunge erstreckt, ist ein Weg brückenartig ausgebaut, so dass man stets von oben den Blick auf den Gletscher hat. Wir liefen begeistert jeden Zentimeter des Weges ab, um dieses faszinierende Naturgebilde aus jedem Winkel bewundern zu können. 

 

 

Das Wetter meinte es aber an diesem Tag nicht mehr gut mit uns. Oder vielleicht war das auch einfach ein Zeichen, dass Chile mich liebt und Argentinien nicht... So machten wir uns also nach einem kleinen Snack mit argentinischen Empanadas (die tatsächlich so viel besser sind als die chilenischen) und Alfajores in dem einzigen Restaurant am Perito Moreno wieder auf den Rückweg nach Puerto Natales. Wie gut, dass ich so schnell einschlafe, und zwar überall - so machte ich auf dem Rückweg die Augen zu und nutzte die Zeit, um die Eindrücke wirken zu lassen und ein bisschen zu dösen. 

 

Zurück in Punta Arenas

 

Mit dem lokalen Bus fuhr ich nach eindrucksvollen Tagen wieder zurück nach Punta Arenas. Hier hatte ich noch folgende To Dos auf der Liste stehen, die mir meine chilenische Freundin Esperanza aus Santiago mit auf den Weg gegeben hat: 

  • Bananenmilch (Leche con platano) trinken und ein Sandwich (Choriqueso) essen im Kiosco Roca (Straße Ptde. Julio A. Roca, geht direkt von der Plaza Muñoz Gamero ab) 
  • Eine Chocolate caliente trinken - denn "Schokolade ist gut bei Kälte" (das scheint übrigens ein tiefsitzender chilenischer Glaube zu sein, diesen Satz hörte ich des Öfteren, wenn es kalt wurde). Dies erfüllte ich passenderweise im La Chocolatta, ebenfalls nur wenige Minuten von der Plaza, allerdings in der entgegengesetzten Richtung in der Straße Gobernador Carlos Bories Richtung Fluss - und nicht nur die Heiße Schokolade war ein Traum, ebenfalls die kleinen Küchlein und Kekse!
  • Den Palacio Sara Braun besuchen und sich mit der Geschichte von Punta Arenas und der alles dominierenden Familie Braun auseinandersetzen
  • Den Friedhof besichtigen und über die Unterschiede zwischen arm und reich staunen

Punta Arenas ist ein kleines Örtchen, das allerdings jede Menge zu bieten hat. Ich habe jede Menge mitgenommen und doch gibt es noch so viel mehr zu entdecken. Ich verließ Patagonien mit dem Flieger Richtung Santiago an einem Samstag Nachmittag, mit vielen Eindrücken von der Natur, mit der neuen Erkenntnis, ich kann und liebe es, allein zu reisen, aber freue mich unglaublich darauf, meine Erlebnisse mit meinen Liebsten zuhause zu teilen und mit einer großen Handvoll angerissener Informationen über dieses Fleckchen Erde und seine Vergangenheit, die nach mehr verlangen.

 

Ich habe den Fuß der Statue übrigens nicht geküsst, aber ich möchte trotzdem wiederkommen.

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