Buenos Aires: Tango auf der Straße

"Ich bin seit einem Jahr in Lateinamerika unterwegs, am unsichersten fühle ich mich hier in Buenos Aires", erzählte der Australier aus unserem Hostel uns circa eine Stunde nach der Ankunft und flößte uns ziemlichen Respekt vor der Stadt ein. Ja, wir hatten gelesen, dass man im Stadtteil La Boca vorsichtig sein muss. Aber das muss man ja auch eigentlich in allen großen Städten. Aber ja, man merkt in Buenos Aires auch, dass die Krise von 2001 noch nicht überstanden ist. Wir ließen uns die Neugier auf die Stadt nicht nehmen und genossen erstmal die angenehmen 25 Grad auf der Dachterasse unseres Hostels nachdem in Chile der Herbst mit immer größeren Schritten kam. Mit meinen zwei Freundinnen aus Santiago hatten wir spontan den Wochenendtrip nach Buenos Aires gebucht.

 

Die Reise fing schon spektakulär an. Unser Flug sollte Samstag super früh von Santiago aus gehen, wir quälten uns also mitten in der Nacht aus dem Bett um pünktlich am Flughafen zu sein. Und dann? Der Flug wurde gecancelt! Warum erfuhren wir nicht, aber wir könnten ja den nächsten in zwei Stunden nehmen... Das war also dann das erste Mal, dass ich am Flughafen schlief und es klappte wunderbar! Und zwar so gut, dass wir dann fast den nächsten Flieger verpasst hätten! Glücklicherweise ist aber alles gut gegangen, außer, dass wir eben einen halben Tag in der bunten, geschichtsreichen und bewegenden Stadt verloren hatten.

 

Der Flug über die Anden war phenomenal. Ich hatten mir den Fensterplatz geschnappt und freute mich wie ein Kind, die Berge von oben zu betrachten. Berge oder Meer? Ich kann mich immer noch nicht entscheiden...

 

Die Anden von oben
Die Anden von oben

 

Gegensätzliches Buenos Aires: Zentrum und Hafen

 

Wir landeten sicher in Buenos Aires und wollten eigentlich mit dem Bus in die Stadt fahren. Unsere Beziehung zu Transportmitteln ging kompliziert weiter. Die Busse wollten nicht so wie wir: Wir warteten und warteten und nichts tat sich. Als ein Bus angefahren kam, jubelten wir schon innerlich, allerdings hielt er es nicht für nötig, anzuhalten und fuhr gnadenlos an uns vorbei. So geschah es auch noch mit zwei weiteren Bussen. Aha, das ist also Argentinien?! Nagut, dann eben doch Taxi. Wir hatten gehört, dass Palermo das schönste und vor allem sicherste Viertel für Touristen in Buenos Aires ist, also hatten wir uns ein Hostel dort herausgesucht. Nachdem wir unser Zimmer bezogen hatten und ein kurzes Pläuschchen mit dem Personal abgehalten hatten, machten wir uns gleich auf den Weg in die Stadt, um den Nachmittag noch zu nutzen und bei einem Stadtspaziergang die Attraktionen zu besuchen.

 

Die Plaza de Mayo ist der Mittelpunkt der Stadt. Wir erreichten sie mit der Metro. An der Plaza befinden sich die Casa Rosada und die Kathedrale, außerdem ist hier der Ausgangspunkt zur Fußgängerzone. Die Casa Rosada ist der argentinische Präsidentenpalast und kann auch besichtigt werden. Im Inneren befindet sich ein Museum, das Büsten der argentinischen Präsidenten und private und offizielle Gegenstände der ersten Regierungen des Landes ausstellt.

Mein Tipp: Wenn möglich, gehe mal abends an der Casa Rosada vorbei - dann ist sie beleuchtet und verdient den Namen "Rosada" noch viel mehr!

 

Links: "Aborto legal ya!" - "Legale Abtreibung!" // Rechts: "Seit 2001 - Wen beschützt dieser Zaun? Wenn die Toten aus den Dörfern stammen"
Links: "Aborto legal ya!" - "Legale Abtreibung!" // Rechts: "Seit 2001 - Wen beschützt dieser Zaun? Wenn die Toten aus den Dörfern stammen"
La Casa Rosada bei Nacht
La Casa Rosada bei Nacht

 

Wir liefen nach der Besichtigung des Präsidentenpalastes einmal drum herum, durch einen kleinen Park in Richtung des Hafens Puerto Madero. Puerto Madero ist anders als der Rest der Stadt und lässt nichts von der Krise des Landes erahnen. Puerto Madero ist das Nizza Argentiniens, ein relativ neues Konstrukt mit modernen Brücken - unter anderem der Puente de la Mujer ("Frauenbrücke"), modernen Häusern und teuren italienischen Restaurants. Die Puente de la Mujer faszinierte uns ganz besonders. Sie soll eine Tango tanzende Frau darstellen. Aber egal, in welchem Winkel wir unseren Kopf drehten, wir schafften es kaum, uns die Tango tanzende Frau vorzustellen. Nun gut, dieser Brückenarchitekt war wohl auch Künstler.

 

Puerto Madero und die Puente de la Mujer
Puerto Madero und die Puente de la Mujer

 

Es dämmerte bereits, als wir durch die Einkaufsstraße Florida Richtung Obelisk gingen. Der Obelisk ist das Wahrzeichen der Stadt. Er wurde 1936 erbaut, zum 400-jährigen Jubiläum der Stadt. Er befindet sich an der Kreuzung der Straßen Avenida Corrientes und 9 de Julio, wo zum ersten Mal die Nationalflagge geweht wurde als Buenos Aires zur Hauptstadt Argentiniens erklärt wurde.

 

Der Obelisk
Der Obelisk

 

Zum Abendessen ging es für uns in La Cabra, was uns als bestes Restaurant Palermos empfohlen wurde. Die Popularität spiegelt sich an der Gästezahl wider: Wir mussten uns mit knurrenden Mägen auf eine Liste schreiben lassen und circa eine Dreiviertelstunde warten. Hier kamen wir nun auch zum ersten Mal so richtig mit dem argentinischen Spanisch in Berührung: "Scho te schamo", sagte uns die nette Kellnerin und wir blickten nur verwirrt drein. Was für eine Sprache spricht man nochmal in Argentinien?? Aaach Moment, das "Y" wird hier "SCH" ausgesprochen! Sie meint also "Yo te llamo" - also "ich rufe dich" - wenn ein Tisch frei ist. Aha, nagut, nach ein paar Minuten Verwirrung nickten wir verlegen... Solltest du das La Cabra besuchen wollen, bring also Zeit und noch nicht so einen großen Hunger mit! Die Wartezeit lässt sich aber auch gut in einer der umliegenden Bars mit einem Drink verbringen. Zur deutschen Abendessenszeit befindet man sich dann allerdings alleine in Bar oder Restaurant - es füllt sich erst zu späterer Stunde, wenn das Nachtleben in Palermo beginnt.

Das Warten auf den Tisch im La Cabra lohnt sich. Der Tisch füllte sich schnell mit frisch Gegrilltem direkt von der Parilla mit großen Beilagenportionen und einem guten Hauswein. Die Teller leerten sich noch schneller...

 

 

Straßenkunst, Theater und natürlich Tango

 

Für Tag Nummer 2 standen La Boca und San Telmo auf dem Programm - eindeutig der schönere Part des Kurztrips. Wir fuhren mit dem Bus nach La Boca, was sich zunächst als etwas kompliziert herausstellte, da man uns sagte, wir brauchen Kleingeld für den Bus und wir aber nirgendwo Kleingeld auftreiben konnten. Ein großes Problem in Argentinien: Münzen sind hier Mangelware. Wir liefen von Kiosk zu Apotheke zu Restaurant und fragten uns durch, ob uns jemand Geld wechseln könne - vergeblich. Selbst wenn man etwas kauft und eigentlich Kleingeld zurückbekommen müsste, geben die Händler lieber einen Schein zu viel, als ihren Münzenvorrat anzurühren. Denn sie brauchen es schließlich selbst für den Bus! Die Münzenknappheit führt dazu, dass der Wert des Kleingelds über den eigentlichen Wert steigt - denn die Menschen handeln mit Münzen. An einigen Straßenecken kann man beispielsweise 100 Münzen für den Preis von 110 Pesos in Scheinen kaufen! Nicht mal in einer Bank bekommt man Hartgeld, und das, obwohl die Banken eigentlich gesetzlich dazu verpflichtet sind, welches auszugeben...

 

Letztendlich fanden wir einen Restaurantbesitzer, der uns Geld wechselte, so dass wir den Bus nach La Boca endlich nehmen konnten. Bereits als wir in das Viertel reinfuhren, wurde alles bunter und farbenfroher. Wir stiegen aus dem Bus aus und merkten nun aber auch, wo sich alle Touristen in Buenos Aires aufhalten und wo sie vor allem auch erwartet werden! Straßenkünstler, die ihre selbstgemalten Bilder anpreisen, Schmuckverkäufer, die ihre Stücke auf einer Decke vor ihnen auslegen und tangotanzende Paare, mit denen man sich fotografieren lassen kann - das hatten wir erstmal nicht erwartet und waren nach den Monaten in Santiago gar nicht auf Touristenviertel eingestellt. Aber gut, das Freilichtmuseum Caminito ist natürlich auch einen Besuch wert!

 

Die bunten Häuser im Caminito in La Boca
Die bunten Häuser im Caminito in La Boca
Tango überall
Tango überall

 

Im ursprünglichen Stadtteil La Boca lebten Ende des 19. Jahrhunderts vor allem italienische Einwanderer, die am Hafen Arbeit suchten. Die Häuser bauten sie aus Ersatzteilen von der Werft und bemalten sie in vielen verschiedenen Farben. Das Viertel wurde einige Jahrzehnte später abgerissen. 1950 jedoch wurde das Museum als Andenken an das hübsche Viertel gebaut, um die vielen Farben und die einzigartige Architektur zurückzubringen.

 

Beim Schlendern durch die Straßen stießen wir auf ein Freilichttheater. Wir ließen es uns natürlich nicht nehmen, zuzuschauen und wurden mitgenommen in die Vergangenheit, als Menschen aus ganz Europa nach Buenos Aires kamen: Italiener, Deutsche, Franzosen, Russen, Griechen, Spanier - mit südamerikanischen Humor wurde dargestellt, was passiert, wenn so viele verschiedene Kulturen aufeinandertreffen. Das Theater war eine Aktion des Tourismusbüros von Buenos Aires, um in unterhaltsamer Form die Geschichte der Stadt zu demonstrieren.

 

Die Geschichte von La Boca als Schauspiel
Die Geschichte von La Boca als Schauspiel

 

Mate aus Bombillas und Choripan im Hinterhof

 

Das Viertel San Telmo wird dominiert von einem Markt, der sich über unzählige Straßen zieht. Auf der Plaza Dorrego stoßen wir - neben Antiquitäten und anderem Krimskrams - wieder mal auf ein tangotanzendes Paar, allerdings sehr viel authentischer als in La Boca! Die Tänzer dürften bereits um die 70 gewesen sein, ein etwa vier Quadratmeter großes Holzbrett fungierte als Tanzparkett, Live-Musik untermalte den Tanz. Wir blieben stehen und wurden in den Bann gezogen. Wir konnten erst gehen, als auch die Künstler zusammenpackten. Dann machten wir uns aber motiviert auf den Weg durch die Straßen San Telmos. Neben Schmuck und den üblichen Flohmarktangeboten gibt es in San Telmo vor allem eines zu kaufen: argentinische Bombillas! Das sind die Tassen, aus denen die Argentinier rund um die Uhr ihren Mate trinken. Und mit rund um die Uhr meine ich auch rund um die Uhr - an keinem der Marktstände gingen wir vorbei, ohne einen Mate-schlürfenden Argentinier zu sehen. Gerade wenn dir Mate schmeckt, solltest du unbedingt hier eine Bombilla mitnehmen. Die Markthändler lassen alle mit sich handeln und eine solche Bombilla ist das schönste und authentischste Souvenir aus Argentinien.

 

Unsere Mägen knurrten wieder einmal und wir fingen an, nach etwas Essbarem Ausschau zu halten. Und siehe da, wir stolperten über ein kleines Schild, das auf Choripan vom Grill aufmerksam machte. Wir suchten etwas, bis wir den Hinterhof fanden, um dann festzustellen, dass das argentinische Choripan schon etwas besser ist als das chilenische! 

 

Und noch mehr Tango
Und noch mehr Tango
Mate und bombillas
Mate und bombillas

 

Buenos Aires ist eine unglaublich vielseitige Stadt und ich wünschte, wir hätten noch mehr Zeit gehabt. Argentinien ist ein ganz besonderes Land auf dem Kontinent und man spürt die Verdrossenheit gegenüber der Regierung vor allem, wenn man mit den Einwohnern spricht, aber auch an den unzähligen Graffitis rund um die Casa Rosada. In Buenos Aires steckt sehr viel Geschichte aber auch sehr viel Gegenwart, die es zu entdecken gibt. Ebenso skurril wie die Kleingeldproblematik ist der Dollarmarkt. Seit die Regierung unter Cristina Fernandez de Kirchner im Jahr 2011 Wechselmarktkontrollen eingeführt hat, ist es kaum möglich, argentinische Pesos in amerikanische Dollar zu wechseln. Natürlich umgeht das Volk dies auf einem Schwarzmarkt, der in Argentinien "Blue Market" genannt wird. Immer mehr Menschen werden zu Händlern, fahren kurz rüber nach Montevideo, um Dollar einzukaufen und sie in Argentinien auf dem Blue Market zu einem höheren Preis zu verkaufen. Anstatt die Wirtschaftskrise einzudämmen, erreichte die Präsidentin mit diesem Schritt genau das Gegenteil: Das Exportgeschäft wurde behindert und die Wirtschaft verzerrt.

 

 

Nachtrag: Im Dezember 2015 wurde die Währungsbeschränkung durch die neue Regierung unter Mauricio Macri aufgehoben. Die Inflation betrug im Dezember mehr als 25 Prozent, für 2016 wird eine Rezession erwartet.

 

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